Museum
Jerke
Museum für polnische Avantgarde
und Gegenwartskunst
Der bestirnte Himmel
Ausstellungsdetails
Übungen zu den
Konflikten des Sehens
Der Titel von Zbigniew Rogalskis Ausstellung Der bestirnte Himmel geht auf Immanuel Kants berühmte Formulierung „der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir" zurück. Der Philosoph bezeichnete damit die Schnittstelle zwischen den Dimensionen des Kosmischen und des Ethischen, die Erfahrung des Erhabenen, die ihn zur Reflexion über die universelle Ordnung führte.
In den Himmel zu schauen, bedeutete eine Überschreitung der eigenen Perspektive, aber auch eine Rückkehr zum moralischen Fundament. Heute jedoch ist diese Geste keine unschuldige mehr. Der Himmel ist, ähnlich wie die Landschaft, nicht länger ein Raum der reinen Kontemplation und die Landschaft nicht länger eine rein ästhetische Kategorie. Sie ist mit Inhalten gefüllt, mit Geschichte und Beziehungen.
Genauso wenig gibt es den einen, gemeinsamen Blick. Jeder Blick ist situiert, involviert und interessengeleitet. Mit Arnold Berleant könnte man sagen, wir bewegen uns in einer „Landschaft des Teilnehmers", das heißt einer Landschaft, die nicht aus der Distanz angeschaut, sondern durch unser Tun, unsere Entscheidungen und Sichtweisen mitgeschaffen wird. Der Konflikt findet nicht mehr „in der Landschaft" statt, sondern konstituiert den Akt der Perzeption selbst.
Zbigniew Rogalskis Malerei entwickelt diese Perspektive ausgehend von der Physiologie des Sehens. Den Künstler interessieren die Mechanismen der Perzeption, ihre Unvollkommenheit, deren Kompensation und die Momente, in denen das Auge Wirklichkeit „ergänzt" oder „reduziert". Phänomene wie Nachbilder, Halluzinationen oder optische Verschiebungen sind für ihn jedoch nicht um ihrer selbst willen interessant, sondern bilden den Ausgangspunkt für die Reflexion darüber, wie wir das Bild der Welt konstruieren. Das Sehen wird zu einem Prozess des Verhandelns zwischen dem Gegebenen und dem Imaginierten.
Die Seerosen in Rogalskis Gemälden sind keine Naturstudien in unterschiedlichen Einstellungen, wie es bei Monet der Fall war, sondern eine Erkundung des Wesens der Pflanzen, die untereinander einen intensiven und passiven Kampf um Ressourcen führen. In einem Gemälde, das den Kantschen „Blick aus dem Fenster" aufgreift, rekonstruiert der Künstler die Aussicht aus Kants Zimmer in Königsberg, die wir lediglich aus einer Beschreibung kennen, in welcher von einem den Umriss eines Turms verdeckenden Baum die Rede ist.
Ein ähnlicher Mechanismus wirkt in einer Arbeit, die auf die Fotografie Nan Goldins und die Strategien der Kadrierung verweist. Ein isoliertes Fragment lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf ein wenig offensichtliches Detail: ein Körperteil, die Spannung einer Geste, potenzielle Gewalt oder die in einer klassischen Form verborgene Leidenschaft. Was wir sehen, ist nur ein Ausschnitt, den Rest müssen wir uns hinzudenken. In diesem Sinne stellt das Gemälde nicht dar, sondern setzt vielmehr einen Deutungsprozess in Gang, dessen Ungewissheit es gleichzeitig offenlegt.
In einem Gemälde mit dem Motiv eines Apfelbaums pulsiert die monochromatische Oberfläche in einer Farbe, die nicht auf der Leinwand, sondern im Auge des Betrachters zu entstehen scheint. Es zeigen sich Effekte der Ermüdung des Blicks. Was wir sehen, ist nicht stabil, es verändert sich mit der Perzeption. Rogalskis Gemälde veranschaulichen den fundamentalen Konflikt zwischen einem potenziellen Objektivismus und der unhintergehbaren Subjektivität der Erfahrung.
Ein wesentlicher Bestandteil der Ausstellung ist auch eine große Stickerei, die vom Nachspann des Films Elephant inspiriert wurde. In diesem Kontext gewinnt ein Gedanke Susan Sontags besonderes Gewicht: Kein Blick ist unschuldig. In einer von Bildern des Leidens durchtränkten Welt bleibt der Betrachter nicht passiv, sein Blick impliziert immer eine Entscheidung. Zwischen Empathie und Gleichgültigkeit, zwischen Reflexion und Bilderkonsum.
Zbigniew Rogalski destabilisiert konsequent den Prozess des Sehens und legt dessen Verstrickungen bloß. Der bestirnte Himmel versucht den Moment zu erfassen, in dem das Sehen zum Konflikt wird – zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Erinnerung und Vorstellung, zwischen der individuellen Erfahrung und den sie prägenden Systemen.
In diesem Sinne verschwindet Kants bestirnter Himmel nicht, doch er garantiert keine Ordnung mehr. Er wird zum Raum der Ungewissheit, in welchem das, was wir sehen, mehr über uns aussagt als über die Welt.
Eine Vision für polnische Kunst
Die Sammlung des Museum Jerke besteht aus 600 Exponaten und enthält Raritäten der polnischen Avantgarde der 1920er Jahre und der polnischen Moderne ab 1960. Einige der Exponate wurden bereits weltweit ausgestellt u.a. im Museum of Modern Art in New York.
„Kunstwerke gehören niemals einem allein. Sie werden vom Besitzer lediglich auf Zeit gepachtet. Ich bin froh, wenn ich sie für einen Moment halten kann. Das Entscheidende ist aber, dass sie der gesamten Gesellschaft gehören".
Werner Jerke kam 1981 aus dem oberschlesischen Pyskowice nach Deutschland. Schon während seines Medizinstudiums in Bonn begann er polnische Kunst zu sammeln. Das von ihm privat finanzierte Museum Jerke beherbergt nicht nur die eigene Kunstsammlung, sondern steht auch als Projektraum für Veranstaltungen offen.
Mit der Jerke Art Foundation möchte Dr. Werner Jerke die Kunstwerke der Öffentlichkeit zugänglich machen.